Bastian Werner: Schöne Fotos von schlechtem Wetter

Wenn sich der Himmel dunkel zuzieht, wenn der Wind über die Felder heult, wenn’s blitzt und donnert – dann ist Bastian Werner in seinem Element. Der 21-jährige Physikstudent aus Darmstadt gehört zu den Stormchasern und jagt den Wolken hinterher, um davon schauerlich-schöne Fotos zu machen. Im Interview erklärt er, wie er sich auf die Wetterfotografie vorbereitet.

Mit dem Auto mitten rein in das Gewitter

Wie kamst du auf die Idee, dem Wetter hinterherzufahren, um Fotos davon zu machen?

Bastian Werner: Das hat sich über die Jahre entwickelt. Als Kind habe ich im Fernsehen mit Begeisterung die Serien über die Tornadojäger angesehen. Ich habe mich auch fürs Segelfliegen interessiert, und so kam es, dass ich mich mit dem Wetter beschäftigt habe. Als ich dann eine Kamera hatte, aber noch kein Auto, bin ich bei aufziehenden Gewittern mit dem Rad auf den Berg gefahren, um von dort aus zu fotografieren. Was aber etwas leichtsinnig war.

Mit 18 hatte ich dann ein Auto und konnte in der Umgebung herumfahren. Damals habe ich aber einfach nur draufgehalten, aber mittlerweile habe ich viel dazu gelernt.

Jetzt ist es schon meine vierte Gewitter-Saison. Ich gehöre zum Team der Stormchasers Rhein Main, und für ein paar gute Fotos fahren wir schon mal 500 bis 1000 km weit. Wir waren schon in Holland, in Belgien und Frankreich.

Das obige Foto vom 7. Juli 2014 zeigt eine so genannte Shelf Cloud zusammen mit zwei Blitzeinschlägen. Nachdem die Wolken und das Gewitter über uns hinweggezogen waren, kamen Sturmböen auf. Es regnete und wurde kälter.

Welche Wetterphänomene findest du am spannendsten?

wetter_foto11_frieren_schwiDie meisten Fotos mache ich bei Gewittern, die Hochsaison ist bei uns zwischen April und September. Dabei denkt jeder erst mal an spektakuläre Blitze – die interessieren mich zwar auch, aber dafür muss man bis spät in die Nacht unterwegs sein, weil der Kontrast bei Dunkelheit besser wirkt.

Mich begeistern aber nicht nur die Blitze, sondern auch die aufziehenden Wolken. Wo die Unwetterfronten am besten zu sehen sind, lässt sich leider nicht auf 2 Stunden genau vorhersagen. Aber wenn man den Wetter- und Niederschlagsradar verfolgt, kann man das Zielgebiet ganz gut orten, über das die Gewitterfront ziehen wird.

Die dunkle Wolke über dem Getreidefeld habe ich am 10. Juli 2014 in Limburg aufgenommen. Bei solch großen Gewitterfronten ist der Temperatursturz besonders groß, weil der aufkommende Wind große Mengen an kalter Luft aus der Atmosphäre mit sich bringt.

Außer Wolken und Blitzen fotografiere ich Sternschnuppen und Nordlichter. Aber ich mag auch schöne Sonnenuntergänge, wenn ich sie mal in einer ungewöhnlichen Umgebung entdecke.

Was wenige kennen, sind die Halophänomene: Das sind weiße oder farbige Kreise, Bögen oder Flecken am Himmel. Sie entstehen dadurch, dass sich das Licht an Eiskristallen bricht oder spiegelt. Solche Halos gibt’s nicht so oft, sie sehen aber toll aus.

Um gute Gewitterfotos machen zu können, musst du dich ziemlich gut mit der Metereologie auskennen. Wie bereitest du dich vor, um den richtigen Ort und den richtigen Zeitpunkt zum Fotografieren zu finden?

Das entscheiden wir meist im Team. Wir beobachten 3 oder 4 verschiedene Wettermodelle, die Rechenzentren in Deutschland, Frankreich und in den USA liefern und schauen uns dabei 30 bis 40 Parameter an.

Aus den Wetterkarten und den Messwerten ziehen wir unsere Rückschlüsse und überlegen, wo wir uns am besten treffen sollten. Wir sprechen uns übers Telefon, über Facebook oder Whatsapp ab und fahren dann zum vereinbarten Treffpunkt. Von dort aus geht es dann in ein oder zwei Autos weiter, bis wir nah genug am Gewitter dran sind.


So kannst du dich über Gewitter und Blitze informieren:

>>> Hier erklärt Bastian Werner die Theorie, wie Gewitter entstehen und wie sie sich vorhersagen lassen.


Wenn ein Gewitter aufzieht, sieht es ja nicht von allen Seiten gleich spektakulär aus. Wie findet ihr die optimale Position zum Fotografieren?

Ein Gewitter besteht immer aus zwei Teilen:

  • Der Aufwindbereich ist dort, wo die Luft und die Wolken hineinströmen. Das ist die beste Position zum Fotografieren.
  • Im Abwindbereich sieht der Himmel wie eine große, graue Wand aus. Dort kann es regnen oder hageln. Das sieht auf Fotos aber langweilig aus.

wetter_foto6_frieren_schwitzenUm gute Gewitterfotos machen zu können, ist es eine Kunst, sich immer auf der richtigen Seite zu positionieren. Da die Wolken weiterziehen, müssen wir auch manchmal zurück ins Auto und noch ein Stück weiterfahren.

Wenn wir Blitze fotografieren wollen, müssen wir beobachten, in welche Richtung das Gewitter zieht. Am eindruckvollsten ist es, wenn das Gewitter genau über einen wegzieht.

Das kleine Gewitter mit den Blitzen habe ich am 17. Juni 2013  in Worms gemacht. Weil sich das Gewitter nicht weit ausgedehnt hat, ändert sich der Luftdruck nur wenig. Die Temperatur sinkt kaum, da die Blase mit kalter Luft so klein ist, dass sie schnell wieder vom Wind verweht wird.

Auch wenn ihr euch gut auskennt: Ist das nicht gefährlich, mitten im Gewitter zu stehen und auf tolle Blitze zu warten?

Blitze sind sehr gefährlich, wenn sie alle 10 Sekunden in den Boden einschlagen. Dann sind sie nämlich nur noch 3 Kilometer entfernt und treffen in einem Radius von 300 Metern auf die Erde.

Der Spruch „Buchen sollst du suchen“ ist völlig irrsinnig, denn Blitze schlagen am höchsten Punkt in der Umgebung ein. Und wenn das ein Baum ist, macht das keinen Unterschied, ob es eine Eiche oder eine Buche ist.

Wir fotografieren nur so lange Blitze, bis es zu gefährlich wird. Dann gehen wir sofort zu unseren Autos zurück und warten bei geschlossenen Fenstern ab, bis das Gewitter weitergezogen ist. Was man nicht machen darf:  im Auto sitzen und aus dem offenen Fenster herausfotografieren, denn das zerstört den schützenden Faradayschen Käfig.

In der freien Natur sollte man immer den niedrigsten Punkt suchen, wenn die Blitze sehr nah kommen. Am besten setzt man sich in einen trockenen Graben und zieht die Beine an. Die Füße dürfen den Boden nicht berühren, denn die elektrische Ladung würde dann ihren Weg in den Körper bis zum Herz finden.

Auch wichtig: Abstand zu anderen Menschen, Rädern und Motorrädern halten. Keine Metallteile anfassen, auch nicht den Regenschirm.

So faszinierend, wie ich deine Bilder auch finde – ich würde nur ungern bei einem aufziehenden Gewitter so lange draußen ausharren, um den richtigen Moment fürs Foto abzupassen. Wie kommt es, dass dir der Wetterumschwung so gar nichts ausmacht?

wetter_foto13_frieren_schwitzenIn der Stadt bekommen die meisten Leute doch nur mit, dass sich die Wolken zuziehen, dass der Himmel grau wird, dass es regnet, hagelt oder neblig ist. Nur wer oben im Hochhaus wohnt, bekommt ein Gefühl dafür, wie schön das schlechte Wetter manchmal aussehen kann.

Wenn wir weit nach draußen in die Natur fahren, um ein Gewitter zu fotografieren, hat tagsüber die Sonne geschienen. Es ist warm oder auch schwül. Wenn wir dann – wie am 29. August 2012 in Alzey – vor Ort sind, zieht das Unwetter meist erst auf. Den Anblick der Wolken, die sich dabei auftürmen, finde ich so faszinierend, dass ich gar nicht darüber nachdenke, ob mir zu kalt oder zu warm werden könnte. (Hier geht’s weiter: 6 medizinische Ursachen fürs Frieren, Warum schwitzen wir?)

Meine Regenjacke nehme ich für alle Fälle mit. Aber selbst meine Kamera brauche ich nicht extra zu schützen, weil ich ja nicht im strömenden Regen fotografiere. Die heutigen Spiegelreflexkameras sind so robust und gut abgedichtet, dass ich mir darüber keine Sorgen machen muss.

Vielen Dank für das Gespräch. Der 2. Teil folgt in Kürze.

Fotos: Bastian Werner (1,3,4), Boris Jordan (2)

Diese Texte passen zum Thema Wetter:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.