Frieren: „Ich bin der einzige Wärmflaschen-Forscher“

Wärmflaschen-Forschung? So was gibt’s tatsächlich. Zwar nicht an der Uni, aber dennoch mit viel Engagement und zeitaufwändigen Recherchen. Günter Holtmann aus Bocholt (73) beschäftigt sich rund ums Jahr mit den „Körperwärmespendern“, wie er sie nennt: 180 Exemplare aus aller Welt hat der pensionierte Unternehmensberater schon gesammelt. Hier erzählt er, seit wann es Wärmflaschen gibt und wie sich das Material und die Formen im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben.

Wärmflaschen im Museum

Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, Wärmflaschen zu sammeln?
Günter Holtmann: Ich habe schon als Kind alles Mögliche gesammelt: Zigarren-Bauchbinden, Zuckerstückchen, Fußballspielerbilder und Briefmarken – als Jugendlicher kamen die Bierdeckel dazu.

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Die erste Wärmflasche bekamen wir zur Hochzeit geschenkt. Das war ein Erbstück, eine ganz einfaches ovales Modell aus Kupfer. Wir haben sie als Dekoration auf einen Schrank gestellt.

Aber wie das bei Sammlern nun mal so ist: Bei Verwandten und Freunden, auf Flohmärkten, bei Dienst- und Urlaubsreisen fand ich immer wieder neue schöne Stücke. Bis 2000 hatte ich 50 Wärmespender beisammen.

Als ich dann das Internet für meine Recherchen entdeckte, kamen immer mehr Stücke aus aller Welt dazu. Jetzt sind es 180. Ich habe sie vor 5 Jahren dem Bocholter Handwerksmuseum als Leihgabe überlassen, das ist jetzt die einzige öffentlich zugängige Wärmespendersammlung in Europa.

Sie sprechen meist nicht von Wärmflaschen sondern von Körperwärmespendern. Warum?
Der Begriff Wärmflasche ist zu eng gefasst, denn man benutzte ja nicht nur Flaschen, die wärmen. In der Steinzeit stellten die Jäger und Sammler fest, dass quarzhaltiger Stein die Hitze gut speichern kann.

Später benutzten die Menschen offene Feuerschalen aus Eisen oder Bronze und Gluttöpfe aus Ton, die sie mit glühender Holzkohle füllten. Im Mittelalter stellten Töpfer, Zinngießer und Kupferschläger verschieden geformte Gefäße her, die sich mit heißem Wasser füllen ließen.

Wärmepfannen haben einen Stiel, es gab sie nur auf Gutshöfen, Burgen und Schlössern: Das Personal füllte die Gefäße mit Holzkohle oder heißem Wasser und wärmten damit im Winter die klammen Betten vor, damit die Herrschaften beim Einschlafen nicht frieren mussten.

Wärmflaschen aus Gummi kamen erst um 1920 auf: Sie haben den großen Vorteil, dass sich das weiche Material an den Körper anpasst und dass sich damit eine große Oberfläche mit wenig heißem Wasser erwärmen lässt.


Von links nach rechts:
1. Kupfer-Wärmepfanne für Holzkohle, 17./18. Jh. (B)
2. Herz- und Brustwärmer für Frauen aus Zinkblech, 20. Jh. (D)
3. Kupfer-Wärmflasche für Säuglingsbetten, 20. Jh. (UK)
4. kleine Kinder-Wärmflasche aus Stahlblech, 20. Jh. (NL)
5. Hals-Stirn-Ohren-Wärmer aus Zinkblech, 20. Jh. (D)


Welche Wärmespender haben Sie entdeckt, die medizinischen Zwecken dienten?
Solange die Wärmespender noch aus Metall waren, musste man gebogene Formen entwickeln, damit sie eng am Körper anlagen. So gab es beispielsweise ovale Bauch-Nieren-Leib-Wärmer, die man sich mit einem Band um den Hals hängen und unter der Kleidung tragen konnte.

Ein Sammlerfreund schickte mir mal die Fotos von einer Blasen-Wärmflasche „Modell Reform“, um sie zu begutachten: Sie war dreieckig und gewölbt, damit man sie sich in den Schritt legen konnte. Eine Besonderheit der Herz- und Brustwärmer war es, dass die Damenmodelle oben leicht eingebuchtet waren, damit die Frauen sie unter die Brust schieben konnten.

Heutzutage gehören Brutkästen ganz selbstverständlich zur Ausstattung einer Geburtsklinik. Wann wurden sie erfunden?
Ärzte und Hebammen hatten Anfang des 19. Jahrhunderts festgestellt, dass sich mit einer konstanten Raumtemperatur von 32 Grad Celsius die Säuglingssterblichkeit senken lässt. Es gab daraufhin zwei unterschiedliche Modelle von Brutkästen:

  • Babywannen mit einer doppelten Wand, in die man warmes Wasser füllen konnte.
  • Couveusen: Diese Apparate erhitzten Wasser in einem geschlossenen Behälter, um das Luftsystem rund um die Babywanne zu erwärmen.

Für Hausgeburten wurden transportable Wärmekisten entwickelt: Um das Baby warm zu halten, benutzte man Wärmflaschen oder warme Ziegelsteine. Ein feuchter Schwamm am Kopfende sorgte für genügend Luftfeuchtigkeit.


Obere Reihe von links nach rechts:
1. Feuereimer oder Fußwärmer aus Eisenblech für Holzkohle, 18./19. Jh. (D)
2. Wärmestein aus glasiertem Schamott, 18./19. Jh. (F) Elsass
3. Bett-Wärmflasche aus Ton mit Bügelverschluss, 19./20. Jh. (D)
4. Bett-Wärmflasche aus Porzellan, Thüringen, 20. Jh.
5. Kupfer-Wärmflasche mit Ludelloch, Bayern, 19./20. Jh.
Mitte:
6. Reisewärmflasche aus Messing, 19./20. Jh.
Vordere Reihe:
7. Reisewärmflasche aus Zinkblech mit Messingverschluss, 19./20. Jh.
8. Leib-Nieren-Brustwärmer aus Messing, 19./20. Jhdt.
9. Wärmestein aus Zöblitzer Serpentinstein, Thüringen, 16./21. Jh.


Wieviele Sammler gibt es, die eine ähnliche Leidenschaft haben wie Sie?
In den vergangenen Jahren habe ich einige Kollegen kennengelernt: 5 in Deutschland, 3 in den Niederlanden, 1 in Frankreich und 1 in der Schweiz – wahrscheinlich gibt es aber noch viel mehr Sammler, die Wärmflaschen und Wärmepfannen zum privaten Vergnügen kaufen. Die meisten haben zwischen 100 und 300 Stücke zu Hause.

Ich bin aber der Einzige, der seine Sammlung öffentlich ausstellt und 2005 eine Webseite dazu aufgebaut hat, weil ich dort auch meine eigenen Forschungsergebnisse publiziere. Mit meinen Veröffentlichungen hoffe ich Wissenschaftler zu finden, die sich mit der Geschichte der Körperwärmespender beschäftigen und noch mehr Hintergrundwissen dazu haben.

Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie auch forschen?
Anfang der 1990er Jahre merkte ich, dass es mir keinen großen Spaß mehr machte, immer noch mehr Wärmflaschen, Wärmesteine und Wärmepfannen zu sammeln. Mich interessierte dann viel mehr, wer sie entdeckt oder erfunden hatte.

Im Jahr 2000 stieß ich endlich auf ein Buch von Georg Huber, das anlässlich einer Ausstellung über „Wärme und Licht“ in Schleswig erschienen war. Der Titel lautet: „Wärmflaschen, Wärmesteine und Wärmepfannen – die Geschichte der Wärmespender von 1500 bis heute“. Später fand ich noch eine Broschüre des Technikhistorikers Franz Maria Feldhaus, die noch ältere Funde beschreibt.

Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass es Wärmespender bis zurück ins 12. Jahrhundert gibt. Davor benutzten die Menschen natürliche Wärmesteine. Archäologen und Historiker haben den Tonscherben aber leider nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt – vielleicht weil sie damit nichts anzufangen wussten.

Zu welchen Themen werden Sie noch weiter recherchieren?
Mich wundert es, dass kein Museum Taschenwärmer oder Handwärmer aus früheren Jahrhunderten ausstellt. Wahrscheinlich waren sie zu klein und zu unscheinbar, sodass die Archäologen, Historiker und Sammler sie einfach weggeworfen haben. Ich bin gespannt, was ich dazu noch herausfinden kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Fotos: Karin Hertzer (1), Günter Holtmann (2, 3, 4)

Fazit:

Die umfangreichen Sammlungen von Wärmespendern zeigen, dass das Frieren die Menschen schon immer erfinderisch gemacht hat.  Es gab spezielle Modelle für Babies, kranke Menschen und Frauen, damit sie nicht mehr frieren mussten.

Ihre Meinung:

Warum beschäftigen sich Ihrer Meinung nach so wenige Historiker, Archäologen und Museen mit Wärmesteinen und Wärmepfannen? Welche Tipps könnten Sie Günter Holtmann für seine weiteren Recherchen geben?

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