Hyperhidrose: Warum manche Menschen übermäßig viel schwitzen

Im Sommer rinnt der Schweiß schneller als im Winter. Aber wie kommt es, dass manche Menschen auch bei kühlen Temperaturen klatschnass geschwitzt sind? Ursache kann eine Krankheit sein: die Hyperhidrose. Privatdozent Dr. Christoph Schick vom Deutschen Hyperhidrosezentrum in München erklärt, welche Gründe das übermäßige Schwitzen haben kann.

7 Fragen an den Chirurgen Dr. Christoph Schick aus München

1. Wie eklig finden Sie es, wenn jemand viel schwitzt?

Dr. Schick schwitzen frierenIn meiner Praxis habe ich mich auf Hyperhidrose-Patienten spezialisiert, daher ist das Phänomen für mich nichts Besonderes mehr. Als Mediziner weiß ich auch, dass 1 von 100 Menschen übermäßig stark schwitzt.

Viele Betroffene und Außenstehende empfinden die Hyperhidrose als eklig, weil die großen Schweißflecken stark auffallen und man das Gefühl hat, dass Schwitzer heftig stinken.

Wissenschaftler haben aber nachgewiesen, dass übermäßig schwitzende Menschen weniger Keime auf der Haut haben, die zum penetranten Geruch führen können als normal schwitzende Menschen. Außerdem gibt es Textilien beispielsweise für Funktionswäsche, die beim Schwitzen nicht so schnell müffeln. Meine Mitarbeiterinnen und ich empfinden die Hyperhidrose überhaupt nicht eklig.

2. Was bedeutet Hyperhidrose?

Das Wort stammt vom griechischen „hyper“ – das bedeutet so viel wie „noch mehr, über“ – und „hidros“ (Wasser). Der medizinische Fachbegriff beschreibt eine übermäßige Schweißproduktion, die die Betroffenen – unabhängig von der äußeren Wärme und Kälte – nicht kontrollieren können.

3. Wie unterscheidet sich das übermäßige Schwitzen vom normalen Schwitzen?

Das normale Schwitzen dient dazu, durch den Feuchtigkeitsfilm auf der Haut eine Verdunstungskälte zu erzeugen. Der Prozess ist vergleichbar mit einer Klimaanlage des Körpers.

Hyperhidrose-Betroffene können das Schwitzen nicht beeinflussen: Sie schwitzen immer wieder kurz und heftig. Bei ihnen kommt die Verdunstung der Schweißproduktion nicht mehr hinterher, sodass Tropfenläufer entstehen – und das Gefühl laufender Tropfen auf der Haut können die Betroffenen meist gar nicht leiden.

4. Welche Körperstellen sind am häufigsten betroffen?

Meist sind zwei oder mehr Körperstellen besonders stark betroffen: Am häufigsten kommt es unter der Achsel zu extremen Schweißausbrüchen. Aber es ist auch möglich, dass die Patienten am Kopf, an den Händen, am Rumpf und an den Füßen stark schwitzen.

5. Was ist die Ursache für eine Hyperhidrose?

sonnenschirm_rot_frieren_schwitzen_kMediziner unterscheiden die primäre und die sekundäre Form der Hyperhidrose.

Die primäre Hyperhidrose ist meist angeboren. Sie entsteht, weil das autonome Nervensystem den Schwitzen-Prozess falsch steuert – die primäre Hyperhidrose ist also eine neurologische Erkrankung.

Die Betroffenen bemerken das meist erst in der Pubertät und empfinden es als störend, weil sie bei wärmeren Temperaturen, bei geringen Aktivitäten und bei Stress immer wieder stark ins Schwitzen kommen.


Primäre Hyperhdrose

Dermatologen, Internisten und Chirurgen orientieren sich bei der Behandlung der primären Hyperhidrose an der so genannten S1-Leitlinie, die auf dem AWMF-Online-Portal abgelegt ist. Da dort vieles im Mediziner-Latein beschrieben wird, werden wir die Methoden einzeln und ausführlich vorstellen. Hier ein Auszug über die Methoden, die Ärzten zur schrittweisen Behandlung ihrer Patienten empfohlen werden:

Bei einer Hyperhidrose, die die Achseln betrifft, bieten sich folgende Therapien an:

  1. Lokale Therapie mit Antiperspiranzien (äußerlich anzuwendende Mittel wie Aluminumsalze verengen die Schweißdrüsengänge)
  2. Spritzen mit Botulinumtoxin A
  3. Chirurgische Schweißdrüsenentfernung an den Achseln (Saugkürettage)
  4. Systemische Therapie mit Antihidrotika oder Psychopharmaka (wie Beta-Blocker)

Bei der Hyperhidrose an Händen und Füßen kommen folgende
Therapien in Frage:

  1. Lokale Therapie mit Antiperspiranzien, s.o.
  2. Leitungswasser-Iontophorese (Gleichstrom)
  3. Spritzen mit Botulinumtoxin A
  4. Systemische Therapie mit Antihidrotika oder Psychopharmaka, s.o.
  5. Letztes Mittel bei einer Hyperhidrose an den Handflächen: Thorakale Sympathektomie (= Operation, bei der Nerven durchtrennt werden)

Bei der primären Hyperhidrose, die den ganzen Körper betrifft, kommt nur die systemische Therapie mit Antihidrotika oder Psychopharmaka in Betracht. ((Ende des Auszugs aus der S1-Leitlinie))

Seit dem Frühjahr 2013 gibt es die Radiofrequenz Thermotherapie (RFTT), die technisch und medizinisch in Deutschland zugelassen ist. Dr. Christoph Schick informiert seine Patienten über die RFTT-Methode, Langzeiterfahrungen dazu fehlen noch.


6. Wann spricht man von einer sekundären Hyperhidrose?

Sie wird durch eine andere Erkrankung hergerufen – wie eine Schilddrüsenüberfunktion oder eine neurologische Erkrankung. Auch Medikamente und spezielle Hormone können zum übermäßigen Schwitzen führen.

7. Wie messen Ärzte die Schweißmenge?

tropfen_frieren_schwitzenWer an den Achseln unkontrolliert mehr als 30 Mikroliter pro Minute ausschwitzt, hat eine Hyperhidrose. Um die Schweißmenge zu messen, gibt es 3 Methoden:

Bei der Gravimetriemethode wird der Schweiß in den Achselhöhlen, am Kopf, an den Händen, am Rumpf bzw. an den Füßen mit einem speziellen Filterpapier aufgesaugt. Die Schweißmenge wird gewogen und in Milligramm pro Zeitintervall angegeben.

Beim Jod-Stärke-Test nach Minor (auch: Minor-Test) pinseln wir eine Lösung auf die trockene Haut. Wenn diese Jod-Kaliumjodid-Lösung getrocknet ist, bestäuben wir die Körperstelle mit einem Stärkepulver. Die verschwitzten Hautarealen färben sich dadurch blauschwarz. Der Test eignet sich vor allem für die Achselhöhlen und großflächig betroffene Stellen.

Bei der dynamischen und quantitativen Sudometrie wird durch einen Reiz eine Schwitzreaktion ausgelöst, der Verlauf beim Schwitzen lässt sich dann auf der Haut messen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Fazit:

Wer übermäßig schwitzt und damit Probleme hat, kann sich bei Allgemeinärzten, Internisten, Hautärzten, Neurologen oder Chirurgen nach geeigneten Behandlungsmethoden erkundigen.

Ihre Erfahrung:

Wann haben Sie erstmals bemerkt, dass Sie übermäßig stark schwitzen? Wie hat sich das unkontrollierte Schwitzen bei Ihnen bemerkbar gemacht? Was empfehlen Sie gegen das Schwitzen?

Fotos: Karin Hertzer (1, 3, 4), oh (2)

Text aktualisiert am 25. Mai 2016

9 Kommentare

  • Susanne

    Viele Menschen wissen überhaupt nicht, dass übermäßiges Schwitzen eine Krankheit ist. Ich schwitze selbst sehr stark, kann dies allerdings mit einem Antitranspirant gut kompensieren. In der Gesellschaft wird das Schwitzen sehr negativ gesehen. Aus diesem Grund kann ich gut verstehen, dass es Menschen peinlich ist, sich so in der Öffentlichkeit zu zeigen.

  • Karolina

    Hello I live in Sweden and have suffer from redness in my face for 15 years. In Sweden they dont do Esb operation. Can you help me in Germany. Thanks
    /Karolina

  • Beranek Günther

    Ich leide sei ca. 3 Jahren an einem kalten Schweiß. Am schlimmsten ist es in der Nacht, gegen Morgen habe ich drei Schlafanzüge gewechselt. Fast alle Untersuchungen (Blutbilder) bezüglich des Schwitzens wurden gemacht.
    Was kann ich noch tun?

    • Hallo Herr Beranek,
      wenn Sie seit 3 Jahren so viel schwitzen, sollten Sie unbedingt einen Arzt oder eine Ärztin um Rat fragen. Erkundigen Sie sich bitte bei Ihrem Hausarzt, einem Internisten, einem Angiologen oder einem Endokrinologen. Ich schreibe Ihnen gleich noch eine Mail und nennen Ihnen einen Experten und einen Hyperhidrose-Betroffenen, vielleicht kommen Sie auf diesem Wege weiter.
      Alles Gute für Sie, herzliche Grüße von Karin Hertzer

  • Haas Heidi

    Hallo,
    ih schreibe heute für einen jungen Mann im Bekanntenkreis. Er hat mich darum gebeten. Er ist 25 Jahre alt und schwitzt seit ca. 10 Jahren. Allein wenn er sich nur in sein Auto setzt ist, er schweißgebadet und kann sich nicht erklären warum. Es ist für ihn unerklärlich, warum er so schwitzt. Er weiß auch nicht, zu welchem Arzt er gehen soll. Der Hausarzt hat die Blutwerte schon gemacht und die sind in Ordnung. Wo soll er sich hinwenden? Ich würde mich freuen, wenn Sie mir diesbezüglich eine Antwort zukommen lassen. Vielen Dank.
    Mit freundlichen Grüßen
    Heidi Haas

    • Liebe Frau Haas, vielen Dank für Ihre Anfrage. Ich bin keine Ärztin, aber alles, was Sie beschreiben, hört sich nach einer Hyperhidrose an. Ihr Bekannter kann sich an einen Internisten wenden – am besten mit Schwerpunkt Angiologie (Gefässkunde). In Frage kommen auch Chirurgen, die sich auf die Hyperhidrose spezialisiert haben. Einige arbeiten in freier Praxis, andere sind an einer Klinik angestellt. In welcher Stadt lebt der Mann? Wenn Sie hier nicht weiter schreiben möchten, können Sie (oder Ihr Bekannter) mir auch gern eine Mail schicken. siehe Impressum. Ich kümmere mich dann darum. Herzliche Grüße von Karin Hertzer

  • Ein durchaus lesenswerter Artikel! Ich bin leider selbst von Hyperhidrose betroffen und von daher immer auf der Suche nach zusätzlichen Informationen und neuen Erkenntnissen. Was ich etwas schade finde, ist, dass der Name des Artikels – aus meiner Sicht – verspricht, dass im Artikel selbst auch auf Tipps und Therapiemöglichkeiten eingegangen wird. Zu diese Themen konnte ich leider nicht viel entdecken. Was man nun bei einer Hyperhidrose tun kann, weiß man nach Lesen des Artikels leider immer noch nicht. Auf dem neutralen Aufklärungsportal, das ich hier angebe, kann man zusätzliche Informationen finden, die in diese Richtung gehen. Als Betroffene kann ich diesen Ratgeber sehr empfehlen.
    Liebe Grüße von Claudia

    • Liebe Claudia, es stimmt, dass ich hier vor allem erst mal erkläre, um was es bei der Hyperhidrose eigentlich geht. Eine Gastautorin recherchiert gerade zu den Behandlungsmethoden und interviewt dazu einen Arzt. Dann gibt es hier weitere Texte. Wenn sie online stehen, informiere ich dich gern per Mail. Du kannst auch gern meinen Fragebogen zum Schwitzen ausfüllen und ihn mir dann mailen – je mehr ich dazu von Betroffenen erfahre, desto besser kann ich auf die Probleme eingehen. Den Fragebogen findest du in der Rubrik „Schwitzen“. Liebe Grüße von Karin

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